„Ich sehe auch Dead Cities“ – IZ Interview mit Harald Ortner

Harald Ortner

Harald Ortner, Vorstand des Shoppingcenterverbands GCSP, verteidigt die politische Einflussnahme von Verbänden in der Pandemie. „Gäbe es die Wirtschaftsverbände nicht, würden Ärzte und Naturwissenschaftler das Land regieren“, sagt er. Die Bewältigung der Krise werde die Branche zwei bis drei Jahre beschäftigen.

Immobilien Zeitung: Es ist passiert: ein unbefristeter zweiter Lockdown. Wie sind Handel und Centerbranche vorbereitet?

Harald Ortner: Eigentlich gar nicht, weil der Handel davon ausging, dass der Lockdown light vom November über Weihnachten fortgesetzt wird. Der Handel konnte nach den Ankündigungen aus der Politik das auch erwarten, weil er gezeigt hat, dass er durch zusätzliche Hygienemaßnahmen wunderbar mit der Pandemie umgehen kann. Geschäfte waren nicht die primären Infektionsherde und auch die Gastronomie nicht, wenn man vielleicht von der Feiergastronomie absieht.

IZ: Wie können Sie sich da so sicher sein? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in der Pressekonferenz zur Verkündung der November-Maßnahmen gesagt, bei 70% der Infektionen könne man gar nicht sagen, wo die Leute sich angesteckt haben.

Ortner: Diese Information kommt vom Handel selbst und ich frage ich mich, warum man die Zeit, als die Zahlen niedrig waren, nicht genutzt hat, um genau das zu erforschen. Hier sehe ich ein klares Versäumnis der Politik. Im Übrigen hat der Virologe Christian Drosten im Sommer 2020 vorausgesagt, dass das Virus im Winter wiederkommen werde. Wenn das so ist, kann ich die Leute nicht im Sommer in den Urlaub schicken und die Grenzen öffnen.

IZ: Es heißt, die staatlichen Corona-Hilfen kämen viel zu langsam an. Was läuft falsch?

Ortner: Soviel wir mitbekommen, haben die Anträge zum Teil über 30 Seiten. Bei vielen Mietern waren Steuerberater manchmal nicht in der Lage, die Fragen ohne Hilfe zu beantworten. Mein Eindruck ist, dass da bewusst Hürden aufgebaut werden. Sonst würde man die Beantragung und Vergabe der Hilfen anders strukturieren.

IZ: Wo würden Sie ansetzen?

Ortner: Firmen, die nachweisen können, dass sie 2019 gesund waren, muss man z.B. schnell Geld geben. Man muss auch differenzieren, wie lange ein Unternehmen am Markt ist. Jemand, der in 25 Jahren eine Firma aufgebaut hat, muss nicht den gleichen Aufwand treiben wie ein Unternehmensgründer.

IZ: Der Einzelhandelsumsatz ist in Deutschland im Corona-Jahr 2020 gewachsen. Profitiert haben Onlinehandel, Lebensmittel und Baumärkte. Mode und Schuhe, die Kernbranchen der Shoppingcenter, haben massiv gelitten. Bricht jetzt auch hierzulande das Zeitalter der Dead Malls an?

Ortner: Ich sehe hier nicht nur Dead Malls, sondern auch Dead Cities, vor allen bei kleinen Städten. Schuhe und Mode sind die Kernbranchen des Innenstadthandels. Diese werden sich aus vielen kleinen Städte und aus schlechten Centern zurückziehen. Ich glaube jedoch nicht, dass es bei Centern und Innenstädten so weit kommen wird wie in den USA. In Deutschland sind die Innenstädte Kulturgut, da wird die Regierung gegensteuern. Bei den Centern werden die am stärksten betroffen sein, die schon vorher Schwierigkeiten hatten sind. Die guten Center werden sich wieder füllen. Die Frage ist nur, wie lange das dauert. Als Verband rechnen wir Stand heute damit, dass die Folgen der Krise die Branche noch zwei bis drei Jahren intensiv beschäftigen werden.

IZ: Im Handel ist Verzweiflung und Wut zu spüren. Was erwarten Sie für 2021?

Ortner: Den ersten Lockdown haben viele aus den Reserven bewältigt, jetzt geht es ans Eingemachte. Die Händler können rechnen, sie wissen schon, wann ihnen das Geld ausgehen und die Banken sich zurückziehen werden, wenn der Lockdown noch lange weitergeht.

IZ: Worin sehen Sie die Aufgabe der Wirtschaftsverbände in der Pandemie?

Ortner: Gäbe es die Verbände nicht, würden Ärzte und Naturwissenschaftler das Land regieren. Zum großen Teil ohne eigenes wirtschaftliches Wissen. Wir speisen Know-how in den politischen Prozess ein, um die Corona-Maßnahmen allgemeinverträglich zu machen. Verbände sind ein notwendiges Korrektiv.

IZ: Und die Rolle des GCSP?

Ortner: Wir sehen uns als den Verband, der den Handel und die Handelsimmobilienbranche vereint.

IZ: Herr Ortner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph von Schwanenflug von der Immobilienzeitung.

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